Tobias Öchsle
reitet, pilgert, kranker Schnee
4.7.–25.7.2026
STUDIO II
Vernissage:
4.7.2026 ⁄ 18 Uhr
reitet, pilgert, kranker Schnee
Die Werke in der Ausstellung „reitet, pilgert, kranker Schnee“ scheinen, als seien sie zufällig geborgen: Zeichnungen in einem Kartondeckel, vielleicht eben erst auf dem Dachboden entdeckt. Das rot karierte Papier ruft Erinnerungen an Schulhefte wach, an Übungen und Ordnungen, die hier jedoch ins Ungewisse kippen. Die Motive wirken zugleich stereotyp und drängend, als hielten sie sich selbst zurück—„pennälerhaft“ im Gestus, aber nicht in ihrer Wirkung.
Die Figuren scheinen sich in einem Zwischenraum zu bewegen: Was wissen sie über sich und über die Logik der Einteilung, in der sie agieren? Wie deutlich sind sie sich selbst, und auf welche Weise verstellen sie sich? Ihre Beziehungen bleiben schwer greifbar—mehrdeutig, gespannt, bisweilen verhakt. Statt normierter Klarheit in gleichmäßigen Einheiten und messbaren Abständen, entsteht ein Geflecht aus Fehlgriffen und Ausbrüchen.
Die Linien der Figuren folgen dem Raster nur sporadisch, sie verschieben, übergehen oder unterlaufen es. Das Rasterbild bleibt präsent, doch seine Ordnung greift nicht—es erscheint eher als Folie, gegen die sich die Zeichnung behauptet.
Die ausgestellten Texte entziehen sich einer eindeutigen Verortung. Der Leser wird unvermittelt in ein Geschehen hineingezogen, dessen Vorgeschichte und Beziehungsstruktur im Dunkeln bleiben. Nähe entsteht ohne Orientierung. Ob eine distanzierte Position möglich ist, bleibt fraglich—zu unmittelbar ist die Setzung, zu wenig gesichert das Verstehen.
Auffällig ist das Wechselspiel zwischen Detail und Handlung: Einzelne, starke Bilder interferieren mit dem Erzählfluss, unterbrechen, sabotieren ihn beinahe. So verschiebt sich die Aufmerksamkeit ständig, ohne zur Ruhe zu kommen.
Zeichnung und Text stehen dabei nicht in einem hierarchischen Verhältnis, sondern scheinen sich gegenseitig zu befragen, zu kommentieren, vielleicht auch zu unterlaufen. Interpretieren sie einander—oder entziehen sie sich gerade dadurch jeder abschließenden Deutung?
Kurze Geschichten und Zeichnungen eröffnen einen Raum, in dem Wahrnehmung, Erinnerung und Konstruktion ineinandergreifen—und in den Gewissheiten stets nur vorläufig bleiben.
Tobias Öchsle (*1987 in Brandenburg an der Havel) ist ein deutscher Bildhauer, der in der Stadt Brandenburg an der Havel arbeitet und lebt. In Hamburg studierte er zunächst in der Malereiklasse von Uwe Henneken, bis er in die Bildhauerklasse wechselte. 2018 machte er seinen Masterabschluss bei Andreas Slominski an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Bis 2019 studierte er zudem im Bachelorstudiengang Informatik an der Technischen Hochschule Brandenburg. Im Januar 2026 wurde er als leitender Direktor der Stiftung Wredow’sche Zeichenschule ernannt. Sein Werk setzt sich mit der Technik der Wiederholung als Ausdruck gestalterischer Prozesse auseinander. Die inhaltliche Grundlage der Arbeit bilden Vorlagen aus archivierten Schülerarbeiten, Eindrücke aus dem ländlichen Raum, Umgangs- und Alltagsformalien sowie losgelöste Textpassagen.
